Fahrzeuge im Porträt
Die Rückkehr des „Rekowagens“ 970-576 – Zum Abschluss der Aufarbeitung und der Spendenaktion
Im vorigen PK 192 waren der Wiederinbetriebnahme des einzigen „Reko-Personenwagens“ der IG Preßnitztalbahn e. V. nur sechs Zeilen Platz gewidmet. Zum Abschluss der sehr umfangreichen Aufarbeitung des modernisierten KB4 und der zu seiner Finanzierung gestarteten Spendenaktion ist es aber sicher für viele Leser interessant, die Aktivitäten der vergangenen Jahre noch einmal genauer aufzuzeigen.
1. Ein „Urgestein“ der Preßnitztalbahn
Ein umfassender Abriss zum Lebenslauf des Wagens 970-576 ist im Februar 2011 erschienenen PK 118 (Link am Ende des Beitrages) veröffentlicht worden. So war er ab Mitte der 1950er Jahre in seiner holzbeplankten Ursprungsausführung und ab 1978 als erster in Perleberg modernisierter Wagen der Preßnitztalbahn zwischen Wolkenstein und Jöhstadt im Einsatz. Ab 1984 befand er sich dann auf der benachbarten Schmalspurbahn Cranzahl – Oberwiesenthal. Im Juni 2009 übernahm die IGP den zuletzt 2005 eingesetzten KB4 zunächst als Leihgabe des Erzgebirgskreises. Anfang 2010 begann seine Aufarbeitung, nach deren Abschluss der Wagen seit dem Pfingstfest 2010 auf dem Abschnitt Steinbach – Jöhstadt seiner früheren Stammstrecke wieder eingesetzt werden konnte. Bis Pfingsten 2018 stand der „Rekowagen“ in regelmäßigem Einsatz auf der Museumsbahn und war wegen seiner besonderen Bauform immer auch ein besonderer „Hingucker“ in den Zügen.
2. Umfangreiche Aufarbeitung geplant
Die Wiederinbetriebnahme des 970-576 war im Frühjahr 2010 nach einer mehrmonatigen Fahrzeuguntersuchung erfolgt. Diese erfüllte zwar alle Anforderungen der ESBO und verbesserte den optischen Zustand des KB4, aber eine komplette Demontage des Wagenkastens und Aufarbeitung des Untergestells unterblieb damals bewusst, da sich der Wagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Eigentum des Vereins befand. Erst im Februar 2014 übergab der Erzgebirgskreis den Wagen gänzlich in die Obhut der Museumsbahn.
Nach dem Ablauf der Einsatzfrist im Mai 2018 entschied der Vereinsvorstand, den Wagen einer umfassenden Aufarbeitung zu unterziehen. Im Sommer 2018, acht Jahre nach seiner ersten in Jöhstadt ausgeführten Aufarbeitung, war ersichtlich, dass für eine langfristige Erhaltung des Wagens das Dach, die tragende Konstruktion des Kastens sowie die Innenausstattung zu erneuern sind. Die Ende des Jahres 2018 vom Verein gestartete Spendenaktion „Comeback des ,Rekowagens’ 970-576“ sollte dafür auch die finanzielle Unterstützung sichern, da für die Arbeiten ein Finanzbedarf im sechsstelligen Bereich erwartet wurde. Zunächst verblieb der Wagen nach Außerdienststellung mehrere Monate auf den Abstellgleisen in der Ausstellungs- und Fahrzeughalle bzw. im Bahnhof Schlössel. Ein Start der Aufarbeitung war zunächst für das Frühjahr 2020 geplant. Doch Corona machte dieses Vorhaben zunichte – zur Sicherung der Liquidität des Vereins in der Zeit der Betriebseinschränkungen stellte der Vorstand diese Arbeiten folgerichtig zunächst zurück.
3. Arbeitsablauf
Im März 2021 begannen in der Ausstellungs- und Fahrzeughalle in Jöhstadt die Arbeiten an dem Wagen mit dem sorgfältigen kompletten Entkernen der Inneneinbauten sowie einer Demontage von Dach, Fenstern und Türen. Das hölzerne Dach kam zur Tischlerei Hübner nach Zwönitz als Vorlage für einen Neubau mit allen Spriegeln und Streben. Die Befundung des Rahmens und der Seitenwände ergab u. a. die Erhaltungswürdigkeit der Außenverkleidungsbleche. Diese unterzog ein Unternehmen mit mobiler Ausrüstung in Jöhstadt einem Trockeneisstrahlen. Das Untergestell kam zum Sandstrahlen und anschließendem Korrosionsschutz mit Lackierung zu einem Betrieb nach Hagenwerder. In der Ausstellungs- und Fahrzeughalle in Jöhstadt erfolgte dann die Komplettierung der stählernen Wagenkastenkonstruktion mit dem von der Tischlerei angefertigten neuen Holzdach sowie den neuen Fußbodenplatten. Teilweise parallel und unterstützt durch Fremdfirmen lief das Erneuern bzw. Aufarbeiten der Inneneinrichtung. Das Lackieren der Sitzgestelle, Fensterrahmen, Heizungsabdeckungen und Gepäckablagen bildete den Startpunkt für die weitere Wiederherstellung. Es folgte der Neubezug der Sitzpolster in originaler Rekowagen-Ausführung mit noch lieferbarem Kunstleder. Dagegen musste für die Innenverkleidung auf neuartige Schichtstoffplatten mit extra angefertigter Polymer-PVC-Dekorfolie zurückgegriffen werden, da Sprelacart-Platten aus DDR-Produktion nicht mehr beschaffbar sind. Die originalen Lampen im Innenraum erfuhren extern eine intensive Reinigung und farbliche Aufarbeitung, die elektrischen Verbraucher erhielten neue Kabel.


In Jöhstadt integrierten die Werkstattmitarbeiter unter dem Wagen einen Saugluftbehälter samt Gestänge als zweites Bremssystem und passten es an die vorhandene Druckluftbremse an. Zur Bremsrevision gehörte außerdem die Montage neuer Kupplungsschläuche. Ebenfalls in Jöhstadt erfolgte die Aufarbeitung der Drehgestelle sowie der Zug- und Stoßvorrichtung. Die Prüfung der Federn sowie die Laufflächenüberarbeitung der Radreifen übernahm ein externer Partner.

Vor Beginn der Wagenkastenmontage bekamen die Außenbleche auf der Innenseite ein Korrosionsschutzfett aufgetragen. Dies ist insbesondere im Schiffbau üblich und soll zum längerfristigen Schutz beitragen. Nach dem Einbringen von Dämm- und Isoliermaterial begann die Montage der Innenverkleidungsplatten und des neuen Linoleumfußbodenbelages. Neu angefertigte Glasscheiben waren mit neuen Dichtgummis in die Fensterrahmen und Türen einzusetzen. Für die Wiederherstellung des Zustandes der Inneneinrichtung von Anfang der 1980er Jahre, für die nicht zuletzt viele historische Unterlagen und Fotos analysiert wurden, mussten diverse Kleinteile wie Kleiderhaken, Abfalleimer oder Griffe aufgearbeitet werden. Die Toilette wurde ebenfalls dementsprechend aufgearbeitet. An den beiden Endbühnen erneuerten die Wagenschlosser in Jöhstadt die Beblechung und den Holzbelag sowie die Aufstiegstritte. Das Holzdach überzogen sie in traditioneller Bauweise wieder mit Leinwandstoff und einem Teeranstrich.
4. Abschluss und Wiederinbetriebnahme
Ende März 2023 kamen die Arbeiten am Wagen 970-576 mit der Neubeschriftung zum Abschluss. Eine Probefahrt wies die uneingeschränkte Funktions- und Einsatzfähigkeit nach. Damit verfügt die Preßnitztalbahn nun über einen weiteren Wagen mit Kombibremse, da zu der für den Einsatz auf der Fichtelbergbahn eingebauten Druckluftbremse nun auch wieder eine Saugluftbremse gehört und den freizügigen Einsatz des Fahrzeugs in allen Zugkompositionen ermöglicht.

Am 7. April 2023 (Karfreitag) absolvierte der einzige „Reko-Personenwagen“ der IGP seine ersten Betriebseinsätze nach der umfassenden Aufarbeitung. Die Spendenaktion „Comeback des ,Rekowagens’ 970-576“ leistete mit einem Ergebnis von deutlich mehr als 50 000 Euro eine erhebliche Unterstützung zur Aufarbeitung des Personenwagens.
16.08.2023