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Vorgestellt: Wolkenstein – Jöhstadt | Aus der Geschichte der Preßnitztalbahn 1892 – 1989
Andreas W. Petrak, André Marks
Wolkenstein – Jöhstadt
Aus der Geschichte der Preßnitztalbahn 1892 – 1989
270 Seiten, Format 28 x 26 cm, ca. 650 Abbildungen (Farb- und SW-Fotos + anderen Illustr.) edition bohemica, Goldkronach 2023. ISBN: 978-3-940819-38-3 Preis: 49,95 Euro
Die Spannung war groß, nachdem zu Pfingsten 2022 der erste Band der neuen Preßnitztalbahn-Chronik erschienen war. Welche bislang unbekannten Details aus der Geschichte unserer Bahn und welche bislang noch nicht veröffentlichten Bilder würde das zweite Buch noch bereithalten? Überhaupt hatte das angekündigte Konzept des zweibändigen Werkes bereits im Vorfeld für Neugier gesorgt. Die von den Autoren gern gebrauchte Erklärung, der erste Band behandle die Grundlagen und der zweite Band sei quasi der Leistungskurs zur Streckengeschichte, greift jedenfalls zu kurz. Wer Bücher über andere Eisenbahnstrecken kennt, auch die früheren Bände zur WJ-Linie vom Kenning-Verlag, dem wird der erste Band nicht ausreichen, dem fehlen darin viele Themen und der wird bereits auf die Fortsetzung gewartet haben. So viel sei schon vorweggesagt: Das Warten hat sich gelohnt! Während der erste Band sich – reich bebildert und illustriert – beginnend in Wolkenstein, entlang der Täler von Zschopau, Preßnitz und Schwarzwasser, bis hinauf nach Jöhstadt detailliert mit einer Beschreibung der Strecke und Stationen nebst ihren baulichen Anlagen befasst, hangelt sich der zweite Band weitgehend chronologisch durch die Geschichte der Bahn. Dabei ist der Untertitel mit der Angabe der Jahreszahlen 1892 – 1989 etwas unpräzise, denn genauso wie die Chronik die Vorgänge nach der Einstellung des Zugverkehrs 1986 bis ins Wendejahr 1989 beschreibt, so beginnt sie auch bereits weit vor der Fahrt des Eröffnungszuges mit vielen Details vom Bahnbau ab 1891 und mit einer Beschreibung der Vorgeschichte ab den 1860er Jahren. Weitere Kapitel beschreiben die Brücken und Kunstbauten, die Fernmeldeanlagen der Strecke, die Bahnpostbeförderung und den Fahrzeugeinsatz. Ob die thematische Aufteilung auf die beiden Bände gelungen ist, darüber mag sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Die Kapitel über die Brücken und Fernmeldeanlagen wären als Teil der Streckenbeschreibung sicher auch im ersten Band sinnvoll platziert gewesen. Die Beschreibung der Anschlussgleise passt zwar zum zweiten Band, jedoch erscheint die Gliederung in der Reihenfolge ihrer Entstehung ein wenig unglücklich. Eine Sortierung anhand der Streckenkilometrierung wäre für dieses Kapitel die bessere Lösung gewesen.

Ansonsten wird das Buch den durch den ersten Band und die Vorankündigung geweckten Erwartungen vollauf gerecht. Kaum ein anderes Werk über eine Eisenbahnstrecke dürfte sich je in dieser Breite mit Details auch aus dem Umfeld der von ihr berührten Ortschaften befasst haben. Es fasziniert besonders bei vielen der Bildunterschriften, welches Wissen hier zusammengetragen wurde. Eine Vielzahl kleiner Anekdoten lässt beim Lesen nie Langeweile aufkommen und machen das Buch nicht nur für Eisenbahnfreunde, sondern auch für an Heimatgeschichte interessierte Leser zur Fundgrube. Dazu trägt auch die Bilderfülle aus der Zeit vor 1945 bei. Das Schaffen des Steinbacher Fotografen Hermann Krauße hat im neuen Buch in erheblichem Maße Eingang gefunden. Einige Aufnahmen offenbaren bislang unbekannte Sachverhalte, wie den Einsatz eines ehemaligen ZOJE-Wagens auf der Preßnitztalbahn oder dass die heute als Museumslok in Jöhstadt vorhandene 99 594 auch in den 1930er Jahren schon einmal auf der Strecke im Einsatz war – sogar mit 85-Volt-Großturbo!
Und auch unter den Bildern aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg findet sich ein breites Spektrum nicht alltäglicher Motive, die selbst für Kenner der Preßnitztalbahn noch das eine oder andere Neue bereithalten dürften. An dieser Stelle seien nur die Aufnahmen des mit Reparationsgütern vollgestellten Bahnhofs Wolkenstein genannt, welche als i-Tüpfelchen sogar einen abgestellten lettischen Triebwagen zeigen – umgebaut später als VT 137 600 eingesetzt. Erwähnenswert erscheinen auch eine Farbaufnahme der 99 699 in Jöhstadt, gleich mehrere Bilder vom Einsatz des Sprengwagens zur Unkrautbekämpfung oder das Bild eines vierachsigen, auf zwei Rollfahrzeuge verladenen Regelspurgüterwagens bei Streckewalde. Zudem liefert der Band nun die ehemalige DR-Nummer der zuletzt in Niederschmiedeberg als Heizlok genutzten preußischen T12.

Ein kleines Déjà-vu erlebt der Leser bei den Texten und Bildern, die die Bestrebungen zur Einstellung und schließlich den Abriss der Strecke beschreiben. Wer das ebenfalls von Andreas Petrak verfasste Buch „Wolkenstein – Jöhstadt. Eine Schmalspurbahn wird abgeschafft“ bereits gelesen hat, dem wird hier vieles bekannt vorkommen. Nun darf gerade dieser wichtige Abschnitt der Streckengeschichte, der auch wegweisend für die spätere Wiederauferstehung als Museumsbahn war, in einer Chronik zur Strecke nicht zu kurz kommen oder gar fehlen. Auch dass man im Hinblick auf ein zu diesem Thema bereits vorliegendes komplettes Buch keine gänzlich neuen Bilder erwarten kann, mag einleuchten. Die nicht unerhebliche Menge von bereits aus diesem Buch bekannt erscheinenden Texten lässt jedoch zumindest die Frage aufkommen, ob die Thematik an dieser Stelle für die Chronik nicht noch einmal anders hätte aufbereitet werden können. Doch dies ist allenfalls ein kleiner Schönheitsfehler. In Summe bleibt festzuhalten, dass mit dem vorliegenden zweiten Band der Chronik zur Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt nicht nur ein umfangreiches Nachschlagewerk zur Streckengeschichte, sondern auch eine thematisch breit gefächerte, spannende und hervorragend illustrierte Lektüre entstanden ist. Mit 270 Seiten fällt der Umfang gegenüber dem ersten Band noch einmal deutlich höher aus, was den Preis von 49,95 € (gegenüber 39,95 € für Band 1) mehr als gerechtfertigt erscheinen lässt. Wer den ersten Band bereits im Bücherregal stehen hat, für den stellt auch der zweite ein absolutes Muss dar.
16.08.2023