Reisebericht
Damals erlebt: Eine Fahrt im Güterzug mit Personenbeförderung (Gmp) 1980 nach Wolkenstein
Ein Reisebericht von Helmut Siegel
Als Eisenbahnfreund waren für mich regelmäßige Besuche auf der Jöhstädter Schiene natürlich ein Pflichtprogramm. Mit einem Güterzug mit Personenbeförderung (bahnamtlich Gmp abgekürzt) war ich auf dieser Strecke aber noch nicht gefahren. Doch dazu hatte ich schon zwei Möglichkeiten im Fahrplan gefunden. Entweder sonntags um halb sieben ab Jöhstadt zu fahren und mit dem P 14287 von Wolkenstein nach Jöhstadt zurückzukehren oder am Sonnabend mit dem P 14287 nach Jöhstadt, um dann mit dem Gmp wieder in Wolkenstein anzukommen. Die Sonnabend-Tour war wesentlich „familienfreundlicher“ und bot auch genügend Licht zum Fotografieren.


Am 16. Februar 1980 hatte mein Sohn Winterferien und im Erzgebirge lag kaum Schnee. Was lag also näher, als gemeinsam zu dieser Tour aufzubrechen? Eine An- und Abreise mit Bus und Zug nach Wolkenstein war am Sonnabend von Neundorf bei Thermalbad Wiesenbad nicht möglich, daher fuhren wir mit unserem 500er Trabi zum damaligen Ausgangspunkt der Preßnitztalbahn. Mit dem von der Lok 99 1568-7 geführten Personenzug 14287 ging es nach Jöhstadt. Eine knappe Dreiviertelstunde bis zur Rückfahrt konnte ich für einige Fotos vom Rangierdienst und von der Lokpflege nutzen.










Ab Jöhstadt ging es dann mit dem P 14290 in gemütlicher Fahrt mit zunächst nur dem Gepäckwagen und einem „Klasse“ genannten Personenwagen talabwärts. In Steinbach und Oberschmiedeberg stiegen weitere Fahrgäste ein, in Niederschmiedeberg wurde es dann betriebsam. Gemäß Fahrplan war unser Personenzug in neun Minuten zum Gmp 69 956 zu ergänzen. Die folgenden Bilder zeigen die dazu notwendigen Rangierfahrten in der Reihenfolge des Ablaufes. Ein straffer Zeitplan, wenn man die folgenden Arbeiten betrachtet.
Während einige Fahrgäste ruhigen Schrittes zum Zug liefen, hatte das Personal (Zugführer und Ladeschaffner) alle Hände voll zu tun. Es galt, zwei Übergangskupplungen von der Scharfenberg- auf die Trichterkupplung und eine Kuppelstange, das sind alles Schwergewichte, zunächst aus dem Gepäckwagen auszuladen. Zwischenzeitlich war die Lok eine Länge vorgezogen. Dann waren die Übergangskupplungen an die Lok sowie den Gepäckwagen anzustecken, eine Kuppelstange dazwischen zu hängen sowie die Bremsleitung zu verbinden. Es gab einen kurzen Hinweis an die Fahrgäste: „Der Zug setzt zurück“ – und schon rollte die Fuhre bergwärts bis zur Weiche an der Wagenübergabestelle (WÜST). Während ein Kollege bis zur Weiche an der WüSt mitfuhr, lief der zweite zur Weiche am Umfahrgleis in der Wagenübergabestelle.

Zurückgekehrt am Bahnsteig in Niederschmiedeberg, waren noch eine Bremsprobe durchzuführen, die Zuglaufmeldung abzusetzen und die fotografierenden Fahrgäste zum Einsteigen aufzufordern – das alles innerhalb von neun Minuten zwischen der Ankunft aus Jöhstadt und der Abfahrt nach Wolkenstein!
Die Zugheizung war nun außer Betrieb, denn an den Rollfahrzeugen gibt es in Sachsen keine Heizleitung. An besagtem Tag war das aber kein Problem. Beim hinter den Gepäckwagen 974-374 II eingereihten Traglastenwagen 970-588 war zwar Mitte der 1970er Jahre die Ofenheizung entfernt worden, doch aus seiner Niederdruckumlaufheizung strömte genügend Restwärme. Nach dem Abfahrtpfiff ging es weiter in langsamerer Fahrt, für Züge mit Rollfahrzeugen galt mit 15 km/h eine geringere Höchstgeschwindigkeit als bei Personenzügen. Die Fahrzeit des Gmp von Niederschmiedeberg nach Wolkenstein betrug laut Fahrplan 52 Minuten, der Personenzug brauchte 27 Minuten.
Letzter Zustiegshalt war in Streckewalde. Übrigens hatte unser Gmp heute auch zwei „Bundesbahner“ mit, der DB-Keks ist trotz minderer Qualität der Aufnahmen nicht zu übersehen. Der VEB dkk Niederschmiedeberg, der Kühlschrankfabrikant der DDR, lieferte einen großen Teil seiner Produkte an die Warenhausketten in Westdeutschland. Wenn vorhanden, wurden dafür auch im Netz der DR verfügbare DB-Wagen genutzt.



Nach einem Halt am Standort des Einfahrsignals „B“ kurz vor Erreichen des Dreischienengleises und erfolgter Zugmeldung ging es per Ersatzsignal weiter nach Wolkenstein, um dann im Güterzugteil des Schmalspurbahnhofes, oberhalb des Normalspurbahnsteiges, die Fahrt zu beenden.
Auch wenn es nicht den Vorschriften entsprach – die Fahrgäste mussten auf dem Wolkensteiner Güterbahnhof aussteigen. Der Weg zum Normalspurbahnsteig und zur Stadt führte über eine Treppe, aber niemand beschwerte sich damals – und jeder kannte die Worte: „Vorsicht beim Überschreiten der Gleise!“ Damit ist eine aus heutiger Sicht „abenteuerliche“ Eisenbahnreise beendet – leider heute so nicht wiederholbar.
Doch die damals eingesetzte Lok 99 1568-7 gehört bereits seit 1991 zum Bestand der IG Preßnitztalbahn e. V. und auch zahlreiche Rollwagen werden in Jöhstadt betriebsbereit vorgehalten …
16.08.2023