Preßnitztalbahn-Meilensteine
Bahnhof Jöhstadt wieder Blockfrei – ein weiterer Meilenstein der Preßnitztalbahn
Der Abriss des Wohnblocks auf dem Bahnhofsgelände in Jöhstadt reiht sich ein in die Meilensteine, die in Erinnerung bleiben werden. Zu Pfingsten 1992 fuhr hier wieder eine Dampflok, wo ein Jahr vorher noch niemand darauf wetten wollte. Im August 2000 gab es eine acht Kilometer lange Museumsbahn zwischen Steinbach und Jöhstadt, wo 16 Jahre vorher der letzte Zug abgefahren war. Im Frühjahr 2005 kam eine Ausstellungs- und Fahrzeughalle hinzu, wo bis 1990 noch Garne veredelt wurden. Nun ist seit Mitte August 2026 dort, wo 38 Jahre zuvor ein Wohnblock auf dem verwaisten Bahnhofsgelände entstand, wieder Gestaltungsfreiheit.

Mit dem Neubau in der Mitte zwischen Lokschuppen und Empfangsgebäude stellte sich jedem Interessierten schnell die Frage, wie man das je wieder zusammenbringen wolle. Es ist ein Ausdruck des unbedingten Glaubens daran, ein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, das für so viele das „Gen der Preßnitztalbahn“ ausmacht. Schon 1990 war den Aktiven klar: „Der Block muss weg!“ Wie der Weg dahin aussehen könnte und dass es von den ersten Arbeiten vor dem Lokschuppen an geraume 36 Jahre dauern würde, davon hatte definitiv niemand eine Vorstellung.
Wie kam der Block auf den Bahnhof?
Nach der Einstellung des Eisenbahnbetriebes zwischen Niederschmiedeberg und Jöhstadt am 13. Januar 1984 versank das Gelände des Bahnhofes in einen Dornröschenschlaf. Doch das war nur das äußere Zeichen, denn zu diesem Zeitpunkt liefen die Planungen des komplexen Wohnungsbauprogrammes auch im Kreis Annaberg schon auf Hochtouren, um für die Stadt Jöhstadt ebenfalls modernen Wohnraum zu schaffen. Es war Parteiprogramm, im Fünfjahrplan bis 1990 diese Aufgabe zu bewältigen. Ebene Flächen waren (und sind) in der Gebirgslage selten oder nur aufwändig herzustellen. So traf sich die Stilllegungsabsicht der Reichsbahn mit dem Flächenbedarf des Wohnungsbauprogrammes. Zunächst ließ die Stadt Jöhstadt 1987 das Empfangsgebäude zum Kindergarten umbauen. Im Jahr 1988 begann dann der Bau des Wohnblocks. Zwar konnten Ende 1989 schon die ersten Wohnungen übergeben werden, doch zur Fertigstellung des Gebäudes kam es durch zu geringe Handwerkerkapazität und fehlende Materialien erst Anfang 1990. Das fiel bereits mitten in die politischen Umwälzungen und ließ den geplanten Bau eines zweiten Neubaublockes gleicher Bauform nebenan entfallen.
Leben mit dem Wohnblock

Beim beginnenden Aufbau der Museumsbahn arrangierten sich die Mitglieder der IG Preßnitztalbahn e. V. mehr oder weniger mit dem „Betonklotz“. Anfänglich gab es bei Bürgermeister Günter Baumann regelmäßig Beschwerden der Bewohner, wenn „die von der Bahn“ einmal wieder in ihren Autos mit vermeintlich überhöhter Geschwindigkeit am Block vorbeirasten – oder die Lautstärke am Lokschuppen den Schlafgewohnheiten der Bewohner zuwiderlief. Über die Jahre – der Aufbau der Bahn verlagerte sich von Jöhstadt in Richtung Steinbach und auf viele andere Projekte – fand man Wege, sich möglichst wenig gegenseitig zu stören. So lässt sich das Verhältnis von 1990 bis 2011 mit der Stadt Jöhstadt bzw. einer privaten Eigentümergemeinschaft wohl am ehesten beschreiben. Der Anfang vom Ende des Blocks Mit der Übernahme des Gebäudes in das Eigentum des Vereins im Jahr 2013 änderte sich am Umgang zwischen Bewohnern und „den Eisenbahnern“ zunächst nichts, außer dass aus dem Traum, den Block abreißen zu wollen, ein realisierbares Szenario wurde. In den Folgejahren leerte sich das Gebäude durch Aus- und Wegzüge der Bewohner aus verschiedenen Gründen sukzessive. Zur Jahreshauptversammlung der IGP im Herbst 2022 gab der Vorstand den Plan bekannt, den Wohnblock bis 2025 abzureißen. Mit einem Jahr Verzug kann nun Vollzug gemeldet werden.
Die Planung des Abrisses
Die vereinsinternen Planungen für den Abriss begannen 2024. Dabei zeichnete sich ab, dass für die verbliebenen Mieter die avisierten Ersatzwohnungen bis zum Sommer 2025 noch nicht alle verfügbar sein würden. Aus verschiedenen Gründen (auf die an anderer Stelle noch eingegangen werden kann) hatte sich der Aufwand zum Sanieren vom Gebäude in der Inneren Bahnhofstraße erheblich erhöht, so dass der Abriss des Blockes noch im Jahr 2025 nicht realisierbar war. Nach dem Einholen und Vergleichen von Angeboten lagen Mitte 2025 das Grundkonzept und im November 2025 eine feste Absprache mit einem Abbruchunternehmer vor. In den folgenden Monaten wurden die Details mit verschiedenen Behörden abgestimmt, um auf das neue Ziel – Abrissbeginn im Frühsommer 2026 – hinzuarbeiten.

Das vorhandene sehr große Interesse der Vereinsmitglieder, selbst Hand an die Entkernung des Gebäudes zu legen, und die wirtschaftliche Erwartung des Vereinsvorstandes, damit die Abrisskosten zu senken, lenkte der Vorstand in mehrere Arbeitseinsätze, die zwischen dem Frühjahr 2025 und Ende Mai 2026 stattfanden. Als im April von dem vor der Beauftragung stehenden Bauunternehmer Zweifel am zugesagten Zeitplan und Druck hinsichtlich einer „Preisanpassung“ (natürlich keine Senkung) aufkamen, gab es kurzzeitig Skepsis am Erfolg des Planes. Kontakte zu weiteren Firmen brachten jedoch zeitnah ein preisgünstigeres Angebot. Aber auch in diesem zeichneten sich nach einigen Geprächen potenzielle Lücken für Nachträge ab, so dass jenes Unternehmen den Auftrag ebenfalls nicht erhielt und nach neuerlichen Alternativen gesucht werden musste. Inzwischen war der ursprünglich avisierte Termin für den Abrissbeginn nach Pfingsten 2026 bereits nah und viele Eisenbahnfreunde erwarteten ein zügiges Anrücken der Abbruchkolonne.
Die intensive Vorarbeit der Vereinsmitglieder in den vorangegangenen Monaten beim Beräumen und Entkernen aller demontierbaren Installationen und Einbauten sollte sich bei der finalen Verhandlung mit dem letztlich beauftragten Unternehmen, der Lengenfelder Recycling und Abbruch GmbH, auszahlen. Da nunmehr wirklich ein nahezu leergeräumter Betontorso bereitstand und die Abbruchtechnologie mit einem versierten Spezialunternehmen und dessen erfahrenen Abbruch- baggerfahrer und nachfolgender Zerkleinerung vor Ort weniger personalaufwändig als noch bei den Vergleichsangeboten eingepreist war, konnte ein deutlich günstigerer Preis ausgehandelt werden. Die gern akzeptierte Folge war, dass im Juni/Juli noch nichts passierte.
Der Abriss
Weniger als zehn Tage dauerte es dann, beginnend am 3. August, den Wohnblock durch einen professionellen Baggerbediener in einen Betonplattenhaufen zu verwandeln. Am 12. August fiel dabei der letzte Giebel. Bis Anfang September 2026 soll aus den Plattenresten geprüftes und zertifiziertes geschreddertes Betonrecycling entstehen, das teilweise abgefahren wird und zum anderen Teil als Ersatzbaustoff einmal vor Ort verbleibt.

Ohne Namen zu nennen, da es ein Projekt mit vielen Beteiligten gewesen ist, sei auf zwei wesentliche Aspekte der Mitwirkung der Vereinsmitglieder der IG Preßnitztalbahn e. V. für die Erfüllung des Traumes verwiesen: Als im Jahr 2011 für die Finanzierung des Erwerbs des Wohnblocks Unterstützung eingeworben wurde, fanden sich 52 Vereinsmitglieder, die eine Darlehenssumme von über 350 000 Euro für den Verein als Ergänzung zu den Bankdarlehen bereitstellten. Das war eine wesentliche Stütze zur Finanzierung.
Außerdem waren mehr als 50 Vereinsmitglieder und Eisenbahnfreunde seit dem Frühjahr 2025 über viele Monate hochmotiviert und regelmäßig bei den Entkernungsarbeitseinsätzen dabei und bewirkten nicht zuletzt dadurch eine erhebliche Reduzierung der Abrisskosten. Das sind zwei Beispiele, die den breitgetragenen Willen des Vereins untersetzen, nun endlich mit der richtigen Gestaltung des Bahnhofsgeländes in Jöhstadt beginnen zu können. Der Vorstand dankt allen namentlich nicht genannten Aktiven, die dieses gute Ergebnis ermöglich haben.
13.08.2026